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3.2. Susans Reise in die Ungewissheit

Aktualisiert: 23. Juni



Susan hatte Angst. Nicht nur die Aussicht, Wochen fernab ihres heimischen Komforts zu verbringen, brachte sie in Unruhe; es war auch die Vorstellung, als Kaninchen im Käfig anderer Menschen zu landen, die sie besonders beunruhigte. Gefangen in den akribisch geplanten Strukturen anderer, erwartete sie ein spannendes Verhör durch eine Parade von Fremden – welch ein Genuss! Aber wie man so schön sagt: "Mitten hindurch, und zwar ohne zu zögern."


Natürlich packte sie ihre Reisetasche erst in allerletzter Sekunde. Warum sollte man auch frühzeitig anfangen, wenn man die aufregende Unsicherheit genießen kann, ob man alles Wichtige eingepackt hat? Wer möchte denn wirklich sicher sein, wenn man das Abenteuer der fehlenden Zahnbürste erleben kann? Susan hasste Abschiede.


Nach einer Stunde Fahrt erreichten sie und ihr Vater schließlich die Klinik. Er, in einer seltenen Darbietung von Ritterlichkeit, öffnete ihr die Autotür und half ihr hinaus. Ein wahrhaft skurriles Bild! Der Herr Vater, der so fürsorglich und galant agierte – eine seltene und fast schon filmreife Szene. Er fragte freundlich, ob alles in Ordnung sei, und Susan, stets die Pragmatikerin, schnappte sich ihre Tasche und verabschiedete sich knapp mit „Ja, Papa, tschüss.“ – Abschiede gehörten eindeutig nicht zu ihren Stärken.


In der Anmeldung traf sie auf eine handvoll Parkinson-Patienten – gerade genug, um sie an den Ernst der Lage zu erinnern. Nachdem sie die bürokratischen Hürden genommen hatte, stand sie da, in einer Umgebung, die gleichermaßen fremd und merkwürdig vertraut wirkte. Ach, die Ironie des Schicksals, dass der Ort, an dem sie die ersehnte Hilfe bekommen sollte, ihr dennoch so befremdlich erschien!

Ein freundlicher Krankenpfleger führte sie in ihr Drei-Bett-Zimmer, das spartanisch eingerichtet war, aber immerhin ein großes Panoramafenster besaß, durch das das Tageslicht hereinströmte – vielleicht die einzige Quelle von Wärme in diesem nüchternen Raum. Susan ließ ihre Reisetasche auf das Bett fallen und setzte sich daneben. Sie schaute sich um und versuchte, die Atmosphäre des Zimmers zu erfassen. Hier sollte sie also bleiben, um sich widerwillig der Pflege und der Kontrolle anderer zu überlassen.


Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrem Vater, der vermutlich bereits auf dem Rückweg war. Es war seltsam, ihn so fürsorglich zu erleben – ein Rollentausch, der sie gleichermaßen berührte und verunsicherte. Es war nicht der Abschied, den sie sich gewünscht hatte, aber vielleicht war genau das nötig: Ein emotionsloser und pragmatischer Start in ein neues Kapitel ihres Lebens. Welch köstliche Ironie, dass ein so nüchterner Abschied der Auftakt für ihre Selbstfindung sein sollte.


Der Krankenpfleger erklärte ihr die Abläufe und Regeln der Klinik. Susan nickte lahm, während ihre Gedanken in alle Richtungen davonflogen. Sie registrierte flüchtig, dass sie um 18 Uhr zum ersten Abendessen erwartet wurde und dass am nächsten Morgen die erste Untersuchung und Gespräche mit den Ärzten und Therapeuten anstanden. Ein wahres Fest der Begrüßung!

Als die Tür hinter dem Krankenpfleger ins Schloss fiel, spürte Susan plötzlich eine bedrückende Einsamkeit. Sie zog ihre Reisetasche näher zu sich heran und öffnete sie zögerlich. Sie holte ihre geliebte aus Fell warme Yogamatte hervor – ein kleines Stück Vertrautheit inmitten dieses unbekannten Terrains – und rollte sie auf dem Bett aus. Daneben legte sie ihr Tagebuch, um ihre Gedanken und Ängste zu dokumentieren.

Susan wusste, dass es eine schwierige Zeit werden würde, aber sie war entschlossen, das Beste daraus zu machen. Sie atmete tief durch und schaute aus dem Fenster.


Nachdem die zweite Zimmernachbarin mit ihrem Begleiter ankam und sich als Frieda und das ist mein Ehemann vorstellte, beobachtete Susan, wie sie als Paar durch Helmut werden könnten – eine Vorstellung, die sie ganz und gar nicht erleben wollte. Sie war entschlossen, ihrem Mann eine solche Belastung nicht aufzubürden. Die Idee, im Ernstfall einfach ihre Sachen zu packen und irgendwohin zu verschwinden, wo niemand sie finden würde, war für sie eine merkwürdige Fluchtphantasie. Ihr Mann sollte nicht durch so etwas gehen müssen. Sie wollte nicht zusehen, wie er daran zerbrechen würde. Nein, das kam absolut nicht in Frage. Er sollte strahlen und sein Leben führen dürfen, während sie ihm nicht dieses ungewollte Schicksal auferlegen wollte.


Als sie diese Gedanken fest in ihrem Kopf verankerte, fühlte sie sich mental mehr als erschöpft. Mit einem Seufzen griff sie nach ihrer Schlafmaske und ihren Kopfhörern, legte sich erschöpft hin und ließ sich von sanfter Musik in den Schlaf wiegen.



 


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