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1.2. Helmut zieht ein: Willkommen im neuen Alltag mit einem ungebetenen Gast

Aktualisiert: 22. Juni


Der folgende Morgen begann – wie könnte es auch anders sein – mit einem entschlossenen Joggingausflug, der Susan die ungeschönte Realität ihres neuen Alltags in aller Klarheit vor Augen führte. Helmut Parkinson, der frischgekrönte Tyrann über ihren Körper, zeigte unmissverständlich seine Macht.


Ihre Beine, schwer wie Blei, bewegten sich mit der Eleganz eines steinernen Gartenzwergs. Ihre Schritte, einst kraftvoll und raumgreifend, verwandelten sich in ein wunderbares Schauspiel mühsamen Vorankommens. Kurze, unbeholfene Schritte – als wäre sie in unsichtbare Fesseln gelegt – machten ihren Morgenlauf zu einem Paradebeispiel tragikomischer Fortbewegung. Jeder Versuch, ihre Beine auch nur ein bisschen höher zu heben, war eine exzellente Vorführung, wie frustrierendes Scheitern in seiner schönsten Form aussieht.


Mit jedem schleppenden Schritt offenbarte sich Susan die bittere Wahrheit: Sie war doch keine Versagerin, wie sie es in den letzten Monaten gefühlt hatte. Nein, sie hatte lediglich einen unsichtbaren Gast eingeladen, der beschlossen hatte, aus ihrem Körper einen Vergnügungspark zu machen. Endlich verstand sie, warum ihre Beine sich weigerten, die ihnen vertrauten Bewegungen auszuführen, und warum sogar das einfachste Vorhaben zu einer epischen Herausforderung mutierte. Diese Erkenntnis war wie ein zweischneidiges Schwert – auf der einen Seite bot sie eine schöne Ausrede für ihre anhaltenden Schwierigkeiten, auf der anderen Seite offenbarte sie, dass ihr Leben nun von einem besonders charmanten Tyrannen beherrscht wurde.


Aber Susan wäre nicht Susan, wenn sie nicht auch das als eine Art Freizeitgestaltung betrachtet hätte. Sie ignorierte und kämpfte gegen die Launen ihres neuen „Mitbewohners“ an. Die alltäglichen Aufgaben – das Zähneputzen, Schreiben, Rechnen, der Kontakt mit Menschen – waren nun nicht mehr nur langweilige Routine, sondern hochkomplexe Herausforderungen, die ihre unerschütterliche Willenskraft auf die Probe stellten. Endlich hatte sie das Abenteuer, das sie immer suchte – nur halt im Alltag!


Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und eine feine, ständige Anspannung durchzog ihren Körper und Geist. Die Tränen, die sie vorher nicht kannte und die unablässig ihre Wangen hinabflossen, wurden zu einem ständigen, melancholischen Begleiter in ihrem neuen, faszinierenden, aber auch erschreckenden Alltag. Jeder kleine, mühsame Schritt war ein ständiger Balanceakt zwischen der Erkenntnis, dass sie nicht versagte, und der Freude über die ungewisse Zukunft, die Helmut Parkinson ihr aufzwingen wollte.


Warum, so fragte sie sich sarkastisch, erkannte sie es erst jetzt, dass ihre schweren Beine ein Symptom waren? Diese Offenbarung war ebenso spektakulär wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist. Es war wie bei einer Schwangerschaft: Kaum hat man die Diagnose, sieht man plötzlich überall Schwangere. Genauso war es bei Susan; auf einmal war ihre Welt voller Menschen, die offensichtlich nicht von Parkinson geplagt wurden. Wie unfair! Ihre schweren Beine, die zuvor nur ein Mysterium waren, wurden nun zum unübersehbaren Symbol ihrer neuen, glorreichen Realität.


Susan erkannte nun, dass ihre schweren Beine nicht das Ergebnis von Faulheit oder mangelnder Willenskraft waren. Nein, sie war die glückliche Gewinnerin im Lotteriespiel des Lebens – mit dem Hauptpreis „Helmut Parkinson“! Doch inmitten dieses humorvollen Dramas fand sie auch einen Funken der Erleichterung: Endlich wusste sie, dass sie nicht gegen sich selbst kämpfte, sondern gegen einen grandiosen Störenfried, den sie nun mit all ihrer bitteren, aber sarkastischen Entschlossenheit bekämpfen konnte.

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